theendlessforest.jpgDie ungewöhnliche Onlinewelt The Endless Forest wird von den Machern Tale of Tales (Auriea Harvey & Michaël Samyn) als Bildschirmschoner bezeichnet. Tatsächlich ist es schwer, eine passende Kategorie für den endlosen Wald zu finden. Ein Spiel ist es nämlich nicht – zumindest fehlen klassische Spielelemente.

Man schlüpft in die Rolle eines männlichen Hirsches und erkundet den atmosphärischen Wald. Dort trifft man andere von Menschen gesteuerte Hirsche und hat verschiedene Interaktionsmöglichkeiten, wie z.B. Emotionen zeigen, indem man sich anschmiegt. Auf ein Chatsystem wurde bewusst verzichtet. Als Hirsch ist man also auf das Röhren und die Körpersprache beschränkt. Merkwürdiger Weise gibt es nur die Wahl zwischen männlich oder geschlechtslos. Es wird argumentiert, dass es wichtig sei ein Geweih zu haben und dies ja den Hirschen vorbehalten sei. Überhaupt soll es nicht um die Identifikation mit einem Geschlecht gehen, sondern um die mit einem Tier. Ob das Zusammenleben von männlichen und weiblichen Paarhufern zu Problemen führen würde? Der Rausschmiss aus dem Paradies? So gibt es keine Sexualität, kein Balzverhalten, keine Kämpfe. Es handelt sich also nicht um eine Simulation. Für eine adäquate Simulation wäre es eh ungewöhnlich, dass die Hirsche ein menschenähnliches Gesicht haben, so wie die Tiere im Zeichentrickfilm Prinzessin Mononoke. Dieses lässt sich jedoch unter einer Maske verstecken.

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Meldet man sich bei diesem kostenlosen Angebot an, so beginnt man sein digitales Leben als junger Hirsch (Kitz). Der Wald ist ausnahmslos friedlich. Es gibt keine Feinde oder feindselige Auseinandersetzungen zwischen den Waldbewohnern. Man beschenkt sich gegenseitig mit Geweihschmuck oder verzaubert das Aussehen des Gegenübers. Dieser kann das jederzeit rückgängig machen, sollte ihm das neue Outfit nicht zusagen. Einige dieser Veränderungen sind allerdings sehr beliebt, können nur bei speziellen Gelegenheiten erworben werden und werden selten einfach so verschenkt. Hier bekommt die Onlinewelt doch ein wenig Tiefe und geht über den Entspannungsfaktor des sogenannten interaktiven Bildschirmschoners hinaus.
Überhaupt sind interaktive Bildschirmschoner doch absolut unsinnig, wenn man den Zweck eines Bildschirmschoners bedenkt. Man muss den Erfindern zu Gute halten, dass man auch einen Beobachtungsmodus aktivieren kann und dadurch auch ohne Zutun bewegte Bilder zaubert. Die Grafikkarte muss währenddessen hart arbeiten, da der endlose Wald recht hohe Hardwareanforderungen hat, soll dieser schön aussehen.

Einem Monat nach der Anmeldung kann man einen erwachsenen Hirsch spielen. Dieser hat die Möglichkeit theendlessforest3.jpgdas Aussehen von Geweih und Körper längerfristig zu verändern. Bei Kitzen verschwinden solche Zauber nach einer kurzen Weile wieder (siehe Bild). Wie in so vielen Onlinewelten ist es möglich zu tanzen. Ganze Feste finden im verwunschenen Wald statt, wie im oberen Bild zu sehen. Ab und an gibt es große Veranstaltungen wie Helloween oder Karneval (Mardi Gras). Die Erschaffer dieser Welt können in der Rolle eines Zwillingsgottes den Wald beeinflussen und Blumen wachsen lassen, Wetter und Jahreszeiten verändern.

Das Projekt befindet sich momentan in Phase drei und wird immer weiter entwickelt. Es gibt eine erstaunlich große Community und während meiner Testbesuche waren immer andere Nutzer online. Diese erkennen sich im Onlinewald anhand persönlicher Piktogramme, die über den Hirschköpfen schweben und leuchten. Die Kostüme der Hirsche wurden teilweise von Mitgliedern der Community erdacht und von Kunststudenten umgesetzt. Diese Welt ist ein guter Anlass, den Diskurs über Kunst und Computerwelten auf DigitaleWelten.net zu beginnen.