Digitale Welten (DW) hatte die Ehre den bekannten Jurastudenten Matthias Dittmayer zu interviewen. Selbst wenn einem dieser Name auf Anhieb nichts sagen sollte, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man sein Video zu Fehlern in Fernsehsendungen bei der Berichterstattung über sogenannte Killerspiele kennt. Die erste Version des Videos „Killerspiele“ in ARD, ZDF und WDR wurde seit November 2007 über 825.000 mal bei YouTube angeklickt und sorgte für ein beachtliches Medienecho.
Links, wie die zu Wikipedia, wurden dem Interview nachträglich hinzugefügt.

Digitale Welten: Hallo Matthias, Du bist der Mensch hinter der Internetseite www.stigma-videospiele.de und besonders durch Dein erstes Youtube-Video im Kampf gegen falsche Berichterstattung über Computerspiele bekannt geworden. Wie kam es zu Deinem Entschluss, Dich auf diese Art gegen die Stigmatisierung der Videospiele stark zu machen?

Matthias Dittmayer: Die Berichterstattung gegen Videospiele hatte ich lange Zeit nur belächelt und nicht ernst genommen. Erst die Unwahrheiten in dem Panorama-Beitrag „Killerspiele im Internet“ waren derart gravierend, dass ich mich selbst persönlich betroffen sah. Nach E-Mails, Beschwerden und Telefonaten musste ich aber feststellen, dass der Beitrag in den Augen des Rundfunkrates und des ehemaligen Intendanten Jobst Plog eine leitlinienkonforme Berichterstattung darstellt. Ich hatte also bereits alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft, so dass mir nur noch die Wahl blieb, mich an die Öffentlichkeit zu wenden oder nichts zu tun.

DW: Wieviel Zeit widmest Du diesem Projekt am Tag?

M.Dittmayer: Mittlerweile sind die meisten Texte eigentlich fertig gestellt, so dass ich hier nicht mehr viel Zeit investieren muss. Die Arbeit beschränkt sich somit auf die Pflege der Seite – dem Verfassen von News und dem Anpassen der Inhalte. Pro Tag dürfte es durchschnittlich eine halbe Stunde sein, dass ist mehr, als ich im Moment spiele.

DW: Wie gehst Du mit dem Medienrummel um Deine Person um? Wie fandest Du damals die Reaktionen zu Deinem ersten Video?

M.Dittmayer: Ich bin eigentlich der letzte, der sich gerne im Blickpunkt der Öffentlichkeit wiederfindet und war von der Resonanz überrascht und überfordert. Da ich durch das Video aber nun einmal in diese Situation gekommen bin, versuche ich meiner „Rolle“ irgendwie gerecht zu werden.

Zu den Reaktionen: Kritisch wird oft angemerkt, dass ich Computerspiele nicht überzeugend verteidigt hätte. Das war aber auch nie meine Intention. Das Video sollte lediglich auf die Art der Berichterstattung über Videospiele hinweisen, aber diese nicht ersetzen. Und dies scheint mir auch gelungen zu sein. So finden sich selbst bei christlichen Onlineportalen Stimmen, die – auch wenn sie die Spiele ablehnen – die Art der Berichterstattung bedenklich finden. Am meisten zur Verbreitung beigetragen hat aber offensichtlich der Blogeintrag von Stefan Niggemeier.

DW: Gab es Reaktionen der Sender?

M.Dittmayer: Direkte Reaktionen gab es nur von Frontal21 und dem verantwortlichen Journalisten Rainer Fromm. Bei letzteren scheint die Nachricht zwar angekommen zu sein, vom Vorwurf der fehlerbehafteten Berichterstattung sieht er sich aber nicht betroffen. Bei einer Veranstaltung des CCC-Berlin sagte er sogar, dass er im besagten Fronal21-Beitrag weder „krasse“ noch „weniger krasse inhaltliche Fehler“ ausmachen könne. Zur Erinnerung: In dem Beitrag wird der Inhalt des Spieles Hitman wie folgt zusammengefasst: „Sinnloses Morden im Sanatorium ist hier Spielinhalt“. In der Frontal21-Stellungnahme führt Dr. Claus Richter dazu näher aus: „Geht es doch in dem Spiel darum, Figuren, die an Behinderte erinnern, zu töten.“. Tatsächlich ist es in dem besagten Level Spielziel aus einem Gebäudekomplex zu fliehen, ohne jemanden zu verletzen oder zu töten.

Auch sonst überzeugt die Stellungnahme nicht. Ein zitierter Buchautor distanzierte sich sogar im ZDF-Forum von dem Schreiben und gab an, dass er die Aussagen, die man ihn unterstellt, ablehnen würde. Links im ZDF-Forum, die auf meine Erläuterung der Stellungnahme verwiesen, wurde übrigens mit der Begründung gelöscht, dass man für die Inhalte Dritter keine Verantwortung übernehmen könne. Ich wäre froh, wenn das ZDF für die eigene Berichterstattung die Verantwortung übernehmen würde.

Die Reaktionen des NDR beschränkten sich darauf, Gegendarstellungen zu erwirken und seltsamerweise wurde beim WDR zeitnah zur Veröffentlichung meines Videos der Mitschnitt der Hartaberfair-Sendung vom Netz genommen.

DW: Wie sieht die politische und gesellschaftliche Akzeptanz von digitalen Spielen momentan aus? Wie wird sich die „Killerspiele“-Diskussion Deiner Meinung nach weiterentwickeln?

M.Dittmayer: Symptomatisch für die Debatte ist noch ein schlichtes Schwarz-Weiß-Denken, wie es auch bei der Diskussion um den „Deutschen Computerspielepreis“ erkennbar ist. Man teilt Videospiele in pädagogisch wertvolle und schädliche Spiele ein, obwohl – wie auch Herr Fromm meint – viele Strategiespiele bedenklichere Inhalte als gewöhnliche Onlineshooter haben. Videospiele an sich scheinen tatsächlich gesellschaftlich akzeptiert zu sein, aber virtuelle Gewalt ist in der Öffentlichkeit weiterhin ein Tabu. Wegen ihr lehnt man Ego-Shooter ab, aber in Strategiespielen sieht man sie nicht.

Eine öffentliche Diskussion kann ich eigentlich kaum ausmachen. Bei Politikern herrscht Konsens, dass Ego-Shooter schädlich sind, man streitet sich lediglich darüber, ob man sie komplett verbieten will oder ob eine Ausweitung der Indizierung ausreicht. Die Stimmung in der Bevölkerung spiegelt das freilich nur begrenzt wieder. Es sprechen sich zwar noch die Mehrheit der Deutschen für ein Verbot aus, aber angesichts des Umstandes, dass schon ein Großteil der 22-29 Jährigen in ihrer Jugend Videospiele genutzt hat, stellt sich nur noch eine Frage: Wird es zu einer öffentlichen Diskussion kommen oder sitzt man die Sache einfach aus?

DW: Welche Position vertrittst Du bezüglich der Wirkung von Computerspielen? Was hat es Deiner Meinung nach mit der Gewalt- und Suchtproblematik auf sich?

M.Dittmayer: Kurzfristige Auswirkungen, Stichwort Priming, Arousal und Affect, halte ich für durchaus plausibel, aber an der Relevanz der Wirkung habe ich Zweifel. Wenn in Studien bei gewalthaltigen Spielen ein Zusammenhangswert (Korrelation) von r=0,21 festgestellt wird, bei Rennspielen aber immerhin noch eine Korrelation von r=0,20, suche ich nach dem besonderen Gefährdungspotential von Ego-Shootern. Selbstverständlich gehören gewalthaltige Spiele ebenso wenig wie Horror-Filme in die Hände von Kindern, aber um das Beurteilen zu können, brauch ich keine Studien sondern nur meinen gesunden Menschenverstand. Langfristige Auswirkungen sind vielleicht theoretisch möglich, aber auch hier stellt sich die Frage der Relevanz. Selbst von Kritikern wird ein wesentlicher Einfluss nur bei Risikogruppen erwartet, die ohnehin bereits gewalttätig sind und im sozialen Abseits stehen. Ich selbst sehe Art und Ausmaß des Videospielkonsums eher als eine Art Indikator an. Familien, die mit schwierigen sozialen Verhältnissen zu kämpfen haben werden weniger Zeit als andere in die Erziehung ihrer Kinder investieren können, so dass diese nicht nur bei Bildung und Gewalt sondern auch bei dem Ausmaß des Medienkonsums negativ hervorstechen. Als primäres Problem würde ich hier nicht den übermäßigen Medienkonsum sondern die sozialen Probleme ausmachen.

Die Suchtproblematik sehe ich als wesentlich schwerwiegender an. Gegen diese richtet sich mein Engagement auch nicht.

DW: Du berichtest regelmäßig über aktuelle Studien. Aber Forschung ist nicht gleich Forschung. Die Qualität der Studien schwankt teilweise gewaltig. Vertraust Du der Forschung, wenn ja, woran erkennst Du gute Studien?

M.Dittmayer: Ich tue mich schwer damit, die Aussagekraft von Studien und deren Qualität zu bewerten, da ich nun einmal Laie bin. Beispielsweise ist mir bei dem Experiment des KFN (Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen) bezüglich des Zusammenhanges zwischen Konzentration und Mediennutzung aufgefallen, dass die Probanden nicht Maus und Tastatur sondern eine Spielzeugpistole als Eingabegerät genutzt haben. Wenn man das Experiment von Klinesmith, Kasser, & McAndrew kennt, wonach bereits das Befassen mit einer Pistole die Aggressivität um den Faktor drei erhöhen könne, fragt man sich, ob das Ergebnis des Experiments durch die Verwendung dieser Controller nicht möglicherweise beeinflusst wurde. Inwieweit sowas geschieht, kann ich selbstverständlich nicht beurteilen. Als etwas vertrauenswürdiger sehe ich Studien immer dann an, wenn sie nicht mit einem klarem Ergebnis aufwarten sondern angeben, dass es durchaus Raum zu Interpretation gibt.

DW: Wie geht es bei Dir beruflich weiter? Kannst Du Dir vorstellen, Deine journalistische Arbeit zur Medienwirkung und Berichterstattung mit einem Beruf zu verknüpfen?

M.Dittmayer: Ich habe grade erst mit dem Schwerpunktstudium begonnen, so dass es bis zum erfolgreichen Abschluss noch ein langer Weg ist. Vorstellen kann ich mir vieles, aber rein praktisch versuche ich mich zunächst auf mein Studium zu konzentrieren.

DW: Ganz herzlichen Dank für dieses Interview und weiterhin viel Erfolg im Studium und bei Deinen Vorhaben!