11 Mrz
von Christian Roth - Kategorie: Fernsehen, Independent Games, Interviews, Medien
Fassunglos und bestürzt sind nicht nur die Menschen in Alabama und Winnenden. Wir alle sind es. Weltweit.
Denn es ist schon wieder passiert. Schießereien auf offener Straße und in einer Bildungseinrichtung.
Schnell geht es in Diskussion um mögliche Ursachen. Zu groß ist die Fassunglosigkeit. Wieso passieren derartige Tragödien?
Die Suche nach den Ursachen (Kausalität) hilft wahrscheinlich, so ein unverständliches, schreckliches Ereignis besser einzuordnen und zu verarbeiten. Das Gefühl der Hilflosigkeit wird erträglicher, das Unverständniss gemindert. Leider kommt es schnell zu voreiligen Schlüssen. Die Kombination aus gesellschaftlichen und individuellen Problemen, gepaart mit Medien und Waffenzugang ist sehr komplex. Zudem sind “Amokläufe” sehr medienwirksam. Das führt erst recht zu einem Handlungsdruck. Als ob die Vorfälle nicht schon Grund genug wären.
Politisch ist es notwendig zu handeln, selbst wenn an den wahren Ursachen vorbei gehandelt wird. Scheinhandlungen, die nicht die wahren Ursachen angehen, aber mit irgendwelchen Konsequenzen überzeugen sollen, sind leider keine Seltenheit.
Heute Abend geht die Diskussion um den Einfluss von Onlinemedien und Computerspielen in eine neue Runde. Mit dabei sind der Kriminologe Christian Pfeiffer, der Politiker Wolfgang Bosbach, die Psychologin Rebecca Bondü und der Journalist Tom Westerholt. Ein Medienspektakel mit teilweise bekannten Gesichtern. Die Thesen einzelner Menschen kann man sich schon gut vorstellen. Wann geht diese Diskussion in eine konstruktive Richtung? Wieso wird am Abend der Tragödie schon so eine Show bei Hart aber Fair veranstaltet? Einschaltquote oder Gesprächstherapipe? Vielleicht beides.
Der Ruf nach einem Waffenverbot ist nur allzuverständlich. Der einfache Waffenzugang ist sicher ein größeres Problem als Spielekonsum, dennoch liegt die Ursache solcher Schulschießereien unter einer Fülle von Einflussfaktoren und Wechselwirkungen vergraben. Lobbyismus an allen Ecken macht die Diskussion nicht gerade fruchtbarer. Wieviel Zeit gibt sich jeder von uns, um über die Vorfälle nachzudenken? Diese Form des Terrors ist unmittelbar gegenwärtig.
Der Einfluss des Medienhypes um solche Taten ist übrigens nicht zu unterschätzen. Weltweit wird nun über den Schützen diskutiert. Er kriegt das nicht mehr mit, aber der nächste potentielle Racheläufer malt sich vielleicht schon den eigenen Ruhm aus. Beide Fälle sind übrigens recht unterschiedlich. Monokausale Ursachenzuschreibungen sind so oder so fehl am Platz. Waren beide Täter verrückt? Kann man so etwas machen und nicht verrückt sein?
Sozialer Ausschluss, Mobbing und andere gesellschaftliche Probleme könnten bei einigen Tätern Teil des komplexen Ursachengefüges zu sein.Vielleicht sollten wir doch auch auf gesellschaftliche Misstände schauen. Die zu verändern geht uns alle an.
4 Kommentare
Cornelia
12|Mrz|2009 1Bravo, das war knapp und gleichzeitig viele mögliche Bedingungen solcher Katastrophe beleuchtend!
Christian
13|Mrz|2009 2Weiterführende Kommentare:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/888/461514/text/
http://www.tagesschau.de/kommentar/amok110.html
Christian
17|Mrz|2009 3Bissiger Kommentar zum Thema Berichterstattung im Spiegel und Expertenstatus von Pfeiffer: World of Bullshit
http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/world-of-bullshit/?type=98
Jan
07|Apr|2009 4“Vielleicht sollten wir doch auch auf gesellschaftliche Misstände schauen.” Absolut d’accord, oder auf internettisch: full ack. Allerdings hege ich hier wenig Hoffnung: der altbekannte Automatismus der Suche nach “dem” Auslöser wird sich insbesondere seitens der Politik immer wieder einstellen. Das ist nicht nur einfacher, sondern auch viel medienwirksamer und populärer als die Finger auf die Wunde zu legen. Misstände gibt es viele und ihre Beseitigung stellt eine gewaltige Aufgabe dar, in welcher mehr als nur ein heißes politisches Eisen steckt.
Ich fand die Medienhysterie nach dem Amoklauf von Winnenden wirklich beispiellos. Polemisch könnte man sagen, nach Tim K. liefen die Medien Amok. Ich vermisse die kritische journalistische Selbstreflexion an allen Ecken und Enden. Mir stellt sich die Frage: Warum muss die Öffentlichkeit den Ablauf der Tat minutiös kennen? Die Details wurden derart ausgeschlachtet, dass man schon fast voyeuristisches Vergnügen unterstellen kann- und das geschah durch die Bank weg, nicht nur von Seiten der “Vier großen Buchstaben”. Wen wundert es da, dass es Trittbrettfahrer und Nachahmer gibt?
Kommentar schreiben
Blog durchsuchen
Promotion
Your Ad here
Beliebte Artikel
Kategorien
Zitat der Minute
Topliste